Tatort Vorgarten

Nicht immer zeigen uns Gartenzeitschriften neue Trends: Während „Landlust“ „BLOOMS“uns in eine Welt der Gartenvielfalt führen wollen, hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, wie auch immer er entstanden sein mag und der nur noch Tristess und Lebensfeindlichkeit zu bieten hat: der Vorgarten aus Beton, Stein und Kies. Die Gartenarchitekten Prof. Klaus Neumann und Werner Ollig beobachten, dass dieser Trend sich vor allem im ländlichen Gebiet ausbreitet und Städter bei einem Besuch auf dem Lande nun entsetzt feststellen: Ländliche Idylle war einmal, versteinerte Freiräume versuchen die Urbanität der Städte zu übertreffen.

In einem Aufsatz der Fachzeitschrift Stadt und Grün stellt die Gartenarchitektin Karla Krieger fest: „Ein Kiesgarten der hier gemeinten Art ist keine Frage des individuellen Geschmacks, sondern eine aktive Verunstaltung des öffentlichen Raums. Dank der mangelnden Sensibilität weniger müssen viele unter diesen geschmacklichen Entgleisungen leiden“.

Das einzelne Nadelbäumchen, meist als Formgehölz  zur Unkenntlichkeit getrimmt, scheint in seiner Isolationshaft verzweifelt zu rufen: „Ich bin eine Pflanze – holt mich hier raus.“

Über Ästhetik kann man bekanntlich streiten. Doch auch aus Sicht der Stadtplanung und Bauordnung ist dieser Trend zur Verwüstung äußerst bedenklich. Die festgelegte Grundflächenzahl, die in Wohngebieten eine Mindestgröße von begrünten Gartenflächen bestimmen und damit ein Mindestmaß an gesunder Umwelt gewährleisten soll, wird bei der Anlage der Steinlandschaften missachtet, denn mit der Beseitigung des Bodens handelt es sich nun nicht mehr um eine gärtnerische Anlage, sondern ist ökologisch gleichzusetzen mit einem PKW-Stellplatz oder einer Hofzufahrt. Erste Gemeinde reagieren bereits und erkennen die steinernen Vorgärten als Gartenflächen nicht mehr an.

Doch wie sieht es mit dem Qualitätsmerkmal „pflegeleicht“ aus? Auch das wurzellresistente Vlies verhindert nicht den Sameneintrag und das Aufkeimen von Wildkrautwuchs. Algen und Flechten überziehen die Steine, Laub und sonstige Feststoffe, die der Wind herbeischafft, verhakeln sich im Schotter und müssen entfernt werden.

Und so sieht man fleißige Menschen mit gelben Behältern am Rücken hängend, aus denen sich glyphosathaltige Flüssigkeiten verbotenerweise über die verödeten Beete ergießen. Und nun, da sie nicht mehr über eine lebendige Bodenzone abgebaut werden können, strömen sie ungehindert dem Grundwasser oder über den Regenwasserkanal dem nächsten Bach entgegen, wo sie ihre zerstörerische Kraft gegenüber unserer Pflanzen- und Tierwelt entfalten. Der Verstoß gegen das Pflanzenschutzgesetz wird als Delikt nicht wahrgenommen.

Die Reinigung erfolgt sodann mittels eines Püsters, der nicht nur Lärm verursacht, sondern auch viel Staub aufwirbelt. Feinstaubproblematik ist ein Dauerthema, Lungenerkrankungen, Allergien sind akute Gesundheitsgefährdungen als dessen Folge. Doch warum findet man gerade an den Ärztehäusern an der Königstraße oder an der Bismarckstraße oder an etlichen Apotheken diese lebensfeindlichen, nicht mehr staubbindenden, vielmehr staubverursachenden Flächen?

Trendwende? Nicht in Sicht. Einsicht? Nicht zu erwarten. Also werden wir wohl die Folgen des Mottos „Steinreich statt artenreich“ wohl noch lange ertragen müssen. 


Autor

Wolfgang Hanke
O9 landschaftsarchitekten BDLA
Opferstraße 9
32423 Minden
0571/97269599
0163/2905566

Hat der Kommentar bei Ihnen Interesse für einen Vortrag zu diesem Thema geweckt? - Dann wenden Sie sich bitte direkt an den Autor Wolfgang Hanke.